„Nasse Sachen“ (мокрое дело) ist ein Euphemismus für einen Auftragsmord. Die russische Ausdruck kann seit dem 19. Jahrhundert im russischen kriminellen Jargon (Fenja, muzyka) nachgewiesen werden und bedeutete ursprünglich Raub oder Mord,d.h. jede Art von Blutvergießen. Berühmt wurde die Formulierung vor allem durch das KGB, dem Spetsbureau13, das „Abteilung für nasseAngelegenheiten“ (Otdel mokrykhdel) genannt wurde.

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Ich kenne Kathleen seit meiner Schulzeit. Vor etwa einem Jahr trafen wir uns wieder. Sie war arbeitslos. Seit der Wende ist sie praktisch ohne feste Stelle. Großgeworden in der DDR, alleinerziehende Mutter. Ihr Sohn Bruno ist jetzt 3 Jahre alt. Unzählige ABMs, aber keine Hoffnung. Dann fiel ihr ein Buch in die Hände, das ihr Leben veränderte – „Hitman“ von Rex Feral, einem amerikanischen Profikiller, der ein Handbuch für Kollegen und Berufseinsteiger geschrieben hat – zu bestellen bei Amazon.com.

Jetzt hat sie eine radikale Entscheidung getroffen. Kathleen hat sich entschlossen, Profikillerin zu werden. Natürlich kennt sie die Vorbehalte, aber sie hat sich darüber Gedanken gemacht. „Profikiller“, sagt sie, „das ist das älteste Gewerbe der Welt – noch vor der Prostitution.“ Jede Zeit, jede Gesellschaft kennt den gedungenen Mörder. Die Vermutung liegt nahe, daß die Gesellschaft ihn braucht. Und die sogenannte Moral der Gesellschaft entpuppt sich bei näherem Hinsehen als reine Gehirnwäsche. Töten darf der Fürst, der Ritter, der Herr, der Staat. Nicht aber der Bauer, der Tagelöhner, der Steuerzahler. Denn die Macht haben heißt, über Leben und Tod entscheiden zu können. Der Profikiller stellt diesen Machtanspruch in Frage. Während die Gesellschaft den Soldaten – gerade denjenigen, der möglichst viele umgebracht hat- als Helden verehrt und ihm Denkmäler errichtet, wird der Mörder hingerichtet. Dabei mordet der Staat aus denselben Motiven: Geld, Bodenschätze, Territorialansprüche, Märkte etc. „Es ist eben eine Tatsache, daß der Mensch tötet, um zu leben. Er tötet Pflanzen, er tötet Tiere und er tötet seine Mitmenschen“ – sagt Kathleen.

Ich möchte mit diesem Film Kathleens Berufseinstieg begleiten, sie zeigen, wenn sie in der Küche steht und Suppe kocht, Bruno füttert. Und in derselben Küche an ihrem ersten Schalldämpfer rumpfeilt, erst scheitert und es dann schafft. Das Trainieren von Kampftechniken, Zeitunglesen – Kundenaquise. Welche Personen, Anwälte, Unternehmen, Erben, berufliche Konkurrenten könnten an ihrem Service Interesse haben? Wo wird gerde entlassen, gepfändet, geklagt? Kathleen telefoniert, bietet sich als Dienstleister für Problemlösungen an. Details gerne bei einem persönlichen Gespräch.

Sie geht auf die Flohmärkte, versucht von den Ukrainern eine scharfe Waffe zu kaufen. Schiessen ist kein Problem. Schließlich hatte sie in der DDR Wehrerziehung. Am Nachmittag sitzt sie mit den anderen Müttern am Buddelkasten und spielt mit den Kindern. Alltag und Überlebenskampf. Kathleen ist eine sympathische, witzige Person und tolle Mutter.

Warten, mitfiebern. Und dann kommt er endlich: der erste Auftrag. Das Objekt beobachten, eine Akte anlegen, einen Arbeitsplan. Dann Ausführen. Dann Spuren beseitigen. Sauber. Einen Schnaps trinken. Und dann kassieren und mit Bruno einkaufen. Neue Schuhe, ein Überraschungsei, die Miete überweisen.

Der Film ist fiktional und dokumentarisch zugleich. Ein Film mit realen Personen und realen Orten, aber auch mit inszenierten Szenen und natürlich einer erfundenen Hauptfigur. Ein faked documentary in Deutschland 2004.

Ein Drehbuch gibt es nicht. Der Film folgt seiner Hauptfigur, Szenen werden improvisiert und entstehen in der Arbeit mit den Schauspielern.

Taz:

Ein Thriller anderer Art ist Sylke Rene Meyers Pseudodokumentation „Nasse Sachen“ (D 2004). Die Autorin begleitet die allein erziehenden Mutter Kathleen (Kathleen Gallego Zapata), die sich, nachdem ihr die staatliche Unterstützung gestrichen wurde, mit Hilfe eines aus dem Internet bezogenen Lehrbuchs zur Auftragsmörderin weiterbildet, Kunden akquiriert und ihren ersten „Hit“ ausführt. Es entbehrt nicht der Komik, wenn die Anfängerin auf der heimischen Werkbank einen Schalldämpfer zu basteln versucht oder erst einmal eine Unterbringungsmöglichkeit für ihren kleinen Sohn finden muss, ehe sie zur Straftat schreiten kann. Eine in ruppigem Investigativlook gefilmte bittere Satire, die auf Hartz IV ff. nicht mit trüber Elendsbebilderung reagiert, sondern gewitzt die kriminogene Wirkung staatlicherseits aufgerissener Versorgungslücken aufzeigt.